Instandsetzung Grundig XM 600

      Instandsetzung Grundig XM 600

      Neu

      Neulich war Michael zu Besuch für einen netten Abend zum Plauschen und Fachsimpeln beim gemeinsamen Abendessen. Im Gepäck hatte er zwei Stück Grundig XM 600, Dreiwege-Aktivboxen, äußerlich fast unversehrt. Er meinte, für den vorgesehenen Einsatzort wären sie zu groß und daher in pflegende Hände abzugeben.

      Die erste Bestandsaufnahme am Trenntrafo mit Vorwiderstand zeigte erst einmal keine Kurzschlüsse, problemloses Zuschalten beim Zuspielen eines Signals und jede der Boxen gab Laute von sich. Es zeigte sich aber auch schnell, dass die beiden Hochtöner keinen Mucks mehr von sich gaben und bei einer Box der Mitteltöner schnarrte.

      Beim Zerlegen der Hoch- und Mitteltöner sollte man beachten, dass das Spulensystem nicht zwangszentriert ist. Vor der Demontage habe ich deshalb kleine Zentrierlöcher bis in die Metallplatte des Magneten gebohrt. Sie sind im folgenden Bild gut zu sehen.



      Magnet und Spulenplatte sind rundum verklebt, das Lösen dieses dauerelastischen Klebstoffes auf mechanischem Weg ist etwas mühsam, aber machbar. Im Bild sieht man nur noch Reste der umlaufenden Klebstoffraupe.



      Nach dem Lösen der vier verbliebenen Frontschrauben ließ sich die Spule noch immer nicht abnehmen. Heißluft erleichtert das ungemein, man sollte es mit der Hitze nur nicht übertreiben.
      Die danach frei zugängliche Spule zeigte sich leider als nicht reparabel. Die Lackfixierung hat Blasen geworfen und ein Anschlussdraht war durchgebrannt. Auf das Öffnen des zweiten Hochtöners habe ich verzichtet. Da er ebenso keinen elektrischen Durchgang hat, wird der Befund ähnlich sein.



      Der gelbe Pfeil zeigt auf das lose Spulenende, das für die Instandsetzung wieder mit der oberen Anschlussfahne verbunden werden müsste. Mit viel Lötkunst und dünnem Lackdraht wäre das evt. möglich, dieses Mal sehe ich davon ab, ich werde neue Ersatzhochtöner unter Zuhilfenahme der originalen Kunststoffträger einbauen.

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      Zerlegung der Box

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      Die Elektronik wird zugänglich, wenn man die als Kühlkörper ausgeführte Rückseite entfernt. Dazu muss man die umlaufenden 14 Schrauben lösen und mit sanfter Gewalt das Alugussteil aus der Gehäuseeinsparung ziehen. Die Box ist straff mit Dämpfungsmaterial gefüllt. Zur Platine hin kommt ein Stück Mineralwollmatte, um die Elektronik sauber zu halten, der vordere Bereich bei den Lautsprechern enthält schwarze Gewebewolle, dicht gepackt. Ich habe es zur Seite gelegt, nach kompletter Instandsetzung kommt es wieder zum Einsatz. Da es sich um ein geschlossenes System handelt, stört mich die Mineralwolle nicht, Partikel können nicht in die Umgebungsluft gelangen. Bei Bassreflex wäre sie rausgeflogen.


      Nach Ablöten der Verbindungen zu den Chassis lässt sich die Einheit weiter zerlegen.



      Hier ist die Einheit schon teilzerlegt, außerdem wurden die Verbindungen zum Netzkabel, zum Thermoschalter im Trafo und zum Signaleingang abgelötet. Zum Trennen der Platine vom Kühlkörper sind sechs Schrauben von der Rückseite her zu entfernen, platinenseitig sind es nochmals drei Stück. Dann zeigt sich erstmals die Bestückungsseite. Ich war schon mal froh, dass das ohne Demontage jedes einzelnen Transistors funktioniert. Grundig hatte ein Herz für die Radio- und Fernsehmonteure der damaligen Zeit und hat zwei Kühlkörperbrücken vorgesehen, mit der die vielen Transistoren verschraubt sind. Diese lassen sich vom Rückwandkühlkörper lösen.



      Es gibt keine Fehlfunktionen der Elektronik. Selbst der Hochtonzweig beider Boxen läuft, überprüft per Oszi und auch mittels einem provisorisch angeschlossenen Hochtöner. Entgegen meiner sonstigen Vorgehensweise werde ich hier aber alle Frako-Elkos ersetzen. Der Zugang zur Elektronik erfordert doch so einigen Aufwand, das muss ich nicht noch einmal haben, falls doch einer dieser Elkos sich mal mit einen Kurzschluss verabschiedet. Besonders falls das einer der Ladeelkos ist, gibt es dazu noch Folgeschäden.

      Das wären pro Box:

      4 x Ladeelko 9000 µF/ 25V --> Ersatz mit Becherelkos 10000 µF/ 25V
      3 x 220 µF/ 25V
      3 x 47 µF/ 25V
      1 x 22 µF/ 40V
      1 x 1000 µF/ 25V

      Dazu kommen der Fußpunktelko in der Rückkopplung jedes Verstärkerzweiges:

      3 x 22 µF/ 40V Tonfrequenzelko...

      und zu guter Letzt der rote Gleichrichter des Standbynetzteils wird gegen einen
      kleinen Si-Brückengleichrichter runder Bauform, 1,5 A Nennstrom ausgetauscht.

      Die übrigen Elkos, von ELNA und Nichicon werde ich lediglich hinsichtlich Scheinwiderstand überprüfen, erwarte da aber keine Ausfälle.


      Die Chassis bekommen noch Sicherungen verpasst, Reinhard hat hier - Grundig XM 400 Aktivboxen defekt - die Werte aufgeführt.

      Wäre noch die Frage nach dem Funkenlöschkondensator von RIFA. Er liegt in Reihe mit einem Widerstand parallel zum Schaltkontakt des Relais. So sorgt er beim Ausschalten für geringen Abbrand, indem er mit der Primärwicklung des Trafos beim Ausschalten einen Schwingkreis bildet, über den sich die induktiv gespeicherte Energie abbaut. Das verbaute Exemplar zeigt keine Risse im Verguss, von daher neige ich dazu, ihn drin zu lassen. Falls er ersetzt werden muss, ist unbedingt ein Kondensator der Sicherheitsklasse X2 erforderlich, da er zwischen den Netzanschlussleitungen liegt.

      Kurz zum elektronischen Aufbau. Jedes Chassis wird von einem separaten Verstärker versorgt, klassisch aufgebaut mit Differenzeingangsstufe, Transimpedanzstufe, Spannungsverstärker und komplementärer Emitterfolger-Endstufe. Davor sitzen die aktiven Frequenzfilter, Hoch- und Mitteltönerpegel sind davon mittels Poti einstellbar. Diese aktive Filterung spart die sonst notwendigen großen teuren Induktivitäten und kommt mir bei der Wahl der Ersatzhochtöner zu Gute, da der Pegel nachträglich angepasst werden kann. Da ist es auch nicht so wichtig, ob man nun statt der originalen 6 Ohm einen Hochtöner mit 8 Ohm oder 4 Ohm einsetzt. Dessen Impedanz verändert hier nicht die Übergangsfrequenzen. Alle drei Verstärkerzweige werden von einem Netzteil versorgt, es erzeugt symmetrische Spannungen von plus und minus 22,5 Volt. Das Standby-Netzteil hängt immer am Netz und versorgt neben den aktiven Filterschaltungen die Relaisschaltstufe für die Endverstärker.

      Die Ersatzteile sind bestellt, Fortsetzung folgt.

      Viele Grüße,
      Christian
      Bilder
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      Hallo Christian,

      da es in diesen Boxen keine Schutzschaltung gibt, die bei einem Defekt der jeweils zuständigen Endstufe mit Railspannung auf dem LS-Ausgang die Verbindung zum Chassis unterbricht, führt das regelmässig zum Schwingspulentod. Es ist empfohlen, nachträglich Picofuses in die Lautsprecherleitungen einzubauen (mit Schrumpfschlauch isolieren), die in so einem Fall das "Schlimmste" verhindern.

      Aus den Kennlinien dieser Sicherungen (Picofuse flink) ist ersichtlich, dass die Sicherung in Ausführung "flink" beim Doppelten des Nennstromwertes ca. drei bis fünf Sekunden benötigt, um auszulösen.



      Ich habe deshalb nach Reparatur diese Werte verwendet:

      TT1 40W Sinus max. an 3 Ohm; Picofuse 3A/flink (max. 3,5A/flink)
      TT2 40W Sinus max. an 3 Ohm; Picofuse 3A/flink (max. 3,5A/flink)
      MT 10W Sinus max. an 6 Ohm; 10W/11Veff = 0,9A max.; Picofuse 1,0A/flink
      HT 7,5W Sinus max. an 6 Ohm; 7,5W/11Veff = 0,7A max.; Picofuse 0,75A/flink

      Eine Schwingspulenreparatur habe ich selbst nie versucht sondern passende Grundig-Ersatzchassis eingebaut.

      Diese Grundig Aktivboxen klingen hervorragend. Über die Optik kann man sich streiten.

      Gruß
      Reinhard


      Sehe gerade, unsere beiden letzten Beiträge haben sich überschnitten.

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      Hallo Reinhard,

      Danke für deine Hinweise, im Beitrag von 2014 hast du ja schon auf die Sicherungen hingewiesen, damals mit 2,5 A für die Tieftöner. Hast du zwischenzeitlich neue Erkenntnisse dazu gesammelt, dass du nun 3 Ampere empfiehlst?

      Bei den Hochtönern greife ich erst mal auf Neuware zurück, ebenfalls mit 6 Ohm Impedanz angegeben, Durchmesser 52 mm, 30 Watt Belastbarkeit. Mal sehen, ob sie vernünftig spielen. Wenn nicht, bleibt mir der Austausch gegen gebrauchte Grundig immer noch.
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      Hallo Christian,

      im alten von Dir verlinkten Beitrag von mir war ich noch über-vorsichtig (2,5 A). Dabei konnte es vorkommen, dass die Sicherung bei längerem Partybetrieb (bis Nennleistung, z.B. bei sehr basslastigem Techno) ggf. schon auslösen konnte.

      Einfache Rechnung:
      TT 40 W Sinus an 3 Ohm = 11Veff an 3 Ohm; = 3,6 A max.
      --> Picofuse 3 A flink

      Die neuere Empfehlung mit 3 A flink Picofuse für den 40 W Tieftöner trägt sowohl der zulässigen Nennleistung Rechnung als auch der guten Betriebssicherheit bei dauerhaft sehr hoher Lautstärke.

      Die Grenzbelastbarkeit der Hochtöner darf deutlich kleiner sein als der von dem(den Tieftöner(n). 20 W würde auch genügen. Mit 30 W bist Du auf jeden Fall gut im Spiel. Entscheidender sind Wirkungsgrad und das Zusammenpassen hinsichtlich Phasenlage und Impedanz im Crossover-Bereich zum Mitteltöner. Gerade durch Austausch des Hochtöners kann es (z.B. Phasensprung) zu ggf. starken Klangveränderungen vom oberen Mittel- bis in den Hochtonbereich kommen. Zu großer Wirkungsgrad kann u.U. zu unerwünschter Schärfe im Klang führen. So wie ich mich erinnere, ist der Grundig HT phasenverpolt relativ zu TT und MT eingebaut, weil er damit zur Phase des MT bei der Übernahmefrequenz am besten zusammenpasst. Bei einem Fremdfabrikat muss das nicht unbedingt mehr so passen - kann es aber - mit etwas Glück.

      Gruß
      Reinhard

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      Moin Ihr Zwei,

      super -- genau das hatte ich insgeheim gehofft, dass sich so eine gute Darstellung einer Revision ergeben könnte ... und danach sieht es ja schon aus ! Grundig hat damals ordentlich aus dem Vollen geschöpft, daher lohnt m.E. die Restauration dieser Boxen auf jeden Fall !

      Zu den Sicherungen: Im Metaxas Ikarus Vollverstärker (und auch in der Iraklis Endstufe), die beide mit knapp 40 W an 8 Ohm ausgewiesen sind, liegen Feinsicherungen mit 2 A flink im Ausgang. Die brennen extrem selten durch (wobei ich den nie für Parties oder Beschallung eingesetzt habe). Daraus schliesse ich, dass man je nach geplanter Anwendung u.U. ruhig etwas kleinere Werte vorsehen kann, auf jeden Fall für Hoch- und MItteltöner.

      Wenn bekannt ist, dass die gerne mal den Dienst quittieren, würde ich lieber riskieren, nochmal ein Chassis herausnehmen zu müssen, um eine Sicherung zu tauschen, als das Chassis zu ersetzen ... Ich denke, ich würde 500 mA beim HT und ca. 700 ... 800 mA beim MT nehmen, nicht mehr.

      Besten Gruss, und gutes Gelingen !

      Michael
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