Vorsicht beim Kauf gebrauchter Boxen ab BJ 1990 am Beispiel Arcus AS6

      Vorsicht beim Kauf gebrauchter Boxen ab BJ 1990 am Beispiel Arcus AS6

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      Hallo,

      leider musste ich meinen umfangreichen Erfahrungsschatz ungewollt noch eine neue hinzufügen.

      Ein gebrauchtes Boxenpaar von Arcus Typ AS6 für 23€ schien ein guter Kauf zu sein. Zwar war Probehören nicht möglich, aber der Verkäufer seriös, der Preis niedrig und die LS schienen völlig i.O. zu sein, die Membranen waren beweglich und die Sicken nicht aus Schaumstoff.

      Die Enttäuschung kam zuhause, den Boxen fehlten die unteren drei Oktaven. Eine Überprüfung ergab, dass elektrisch kein Fehler vorliegt.
      Die Bauteile der hochwertigen Weiche sind alle i.O., Gleichstromwiderstand und Induktivität der Schwingspulen stimmen mit den Datenblattangaben überein.



      Dann kam noch eine Eingebung, die Resonanzfrequenz der Konuslautsprecher zu messen. Das Ergebnis bei zwei Exemplaren, 180 und 200Hz. Damit war klar warum unter 160Hz keine Basswiedergabe möglich ist. Bei den Lautsprechern handelt es sich um an sich hochwertige Exemplare von Vifa, TypP13WH-00 08. Laut Datenblatt mit einer Resonanzfrequenz von 60Hz. Mit dieser Erkenntnis habe ich das Internet durchsucht und bin im angelsächsischen Raum fündig geworden. Dort sind Resonanzfrequenzen von bis 280 Hz dokumentiert.

      Das Problem hat dort einen Namen: "surround hardening". Gemeint ist damit das Aushärten der Sicke. Diese ist nicht aus Gummi, sondern aus einem Kunststoff. der nach Ausdünsten der Weichmacher aushärtet.

      Zu Vergleichszwecken habe ich zwei andere 13cm-LS aus meinem Bestand nachgemessen. Einen von RFT (VEB DDR) von 1988 mit Schaumstoffsicke, der hat 60Hz, einen Grundig von 1975 mit Gummisicke, der hat 72Hz. Zum Vergleich, die Vifas stammen aus den 90er Jahren und sind wahrscheinlich schon seit Jahren Elektroschrott.




      Es gibt zwei Möglichkeiten.

      1) Die Sicken regelmäßig (3 Monate) mit irgendeinem Methyl-Irgendwas Gemisch einpinseln.
      2) Die Sicken tauschen. Im Netz ist mehrfach dokumentiert, dass die Vifas damit ihre ursprünglichen Eigenschaften wieder erhalten.

      Offensichtlich ist das aber kein Problem was auf diesen Lautsprechertyp oder diesen Hersteller beschränkt ist. Auch andere Lautsprecher von Vifa und anderen Herstellern sind betroffen



      Das heißt beim Kauf von Boxen aus den Neunzigern und danach müssen die Sicken geprüft werden. Bei Schaumstoff sieht man es oft schon, die Kunststoffsicken sind aber optisch topp. Der Test geht aber ganz einfach. Mit dem Fingernagel leicht auf die Sicke klopfen. Ist die Sicke ausgehärtet hört es sich an wie auf Kunststoff, hohes, hartes relativ lautes Geräusch. Ist die Sicke in Ordnung ist das Geräusch, dumpf, weich und leise.

      Bleibt eigentlich nur Allen im Forum ein gutes neues Jahr zu wünschen, und ganz besonders dem Betreiber dieser Webseite.

      Rolf

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      Hallo Rolf,

      Danke für die guten Wünsche zum neuen Jahr, dir ebenso alles Gute.

      Vom Aushärten der Sicken höre ich das erste Mal, ist aber eigentlich logisch. Über die Feiertage habe ich mich mit einem ähnlichen Problem herumgeschlagen. Die Tief-Mitteltöner meiner BR25-Boxen waren zerbröselt. Ersatz und Vorgehen sind im Web reichlich dokumentiert.
      Weniger Info findet man zu den Hochtönern, es handelt sich um Gewebekalotten, Typ L7101. Einer schnarrt, laut Web liegt das an zerfallendem Dämmfilz hinter der Kalotte. Für diese Art Reparatur gibt es leider kein Anschauungsmaterial. Ich traue es mir nicht zu, die Zuleitungen zur Schwingspule sind winzig.

      Viele Grüße
      Christian
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      Liebe Freunde,

      ja, ein weit verbreitetes Problem ... leider. Es gibt Tinkturen, um die Sicken einzupinseln (wie schon genannt), das geht recht gut. Mit etwas Glück kommt eine gewisse Elastizität zurück. Sicken tauschen machen einige Anbieter auch recht gut, aber ich habe da auch schon seltsame Erfahrungen machen müssen. Habe es auch einmal selber gemacht, was klappte, aber nicht so wirklich prickelnd war.

      Bei Hochtönern ist in der Tat hinter der Kalotte nicht selten ein Kugelabschnitt aus akustischem Schaumstoff auf dem Magneten geklebt, der sich nach 10 Jahren langsam auflöst. Man kann versuchen, den Vorderteil abzunehmen und die Krümel zu entfernen. Das Wiedereinsetzen geht meist recht gut (mit etwas Geduld), wenn es eine Rastung der Frontplatte gibt.

      Ansonsten kann man auch meist einigermassen gut passende neue Hochtöner bekommen, oft sogar recht günstig, die man als Ersatz einbaut. Habe ich letzthin einige Male gemacht, und ordentliche Ergebnisse erzielt. In den Heften zum Lautsprecherselbstbau gibt es viele Daten und Anbieter. Das lohnt zu prüfen, wenn man die Boxen sonst entsorgen müsste. Nach so einem Umbau ist der Klang vielleicht nicht mehr perfekt ausgewogen, aber im Hobbyraum etc. langt das sicher noch ...

      Michael

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      @gst
      ja, so ist es. Aus den 80ern kannte ich nur zerbröselnde Schaumstoffsicken. LS aus den 70ern sind alle im Bestzustand.

      @ Christian
      Die Schaumstoffpölsterchen der HT (L9806 ?) meiner RFT-Boxen , neu gekauft 1990 für 29DM (Paarpreis), erfreuen sich noch bester Gesundheit. Das gilt auch für zwei Ersatz-HT, die ich vor 30 Jahren im Keller eingelagert habe.



      Gruß


      Rolf

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      Ja, die B3010-Hochtöner mit Polycarbonatkalotte scheinen weniger anfällig zu sein. Ich habe selbst mehrere dieser Boxen, bisher traten nur kratzende Tief-/ Mitteltöner auf. Die ersten Exemplare besaßen wohl eine Schwingspule mit Pappröhrenkern und ungünstiger Klebstoffkomponente. Da lösen sich mit der Zeit einzelne Windungen. Später kamen auch da Spulenträger aus Aluminiumblech zum Einsatz. Mit denen gibt es keine solchen Probleme. Die Sicken dieser Chassis (meist hellgrau bis beige, Schaumstoff) leiden auch nicht an Zerfall.

      Du scheinst hinsichtlich Lautsprecherprüfung etwas Erfahrung zu haben. Kann man mit Messmikro, Audiointerface und einschlägiger Software (REW, Arta) das Ergebnis einer Boxenreparatur prüfen?
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      Hallo Christian,

      danke für die Blumen. Es ist richtig, dass ich viele Boxen repariert habe, meistens tote Hochtöner, die von klippenden Verstärkern in den 70er und 80er Jahren hingerichtet wurden. Später dann oft Mittel- und Tieftöner, deren Sicken zerbröselt waren.

      Ersatz waren LS von Valvo, Visaton und Monacor. Auswahlkriterium bei den Tieftönern war immer Gewicht Magnet- und Schwingspulengröße. Bei Hochtönern standardmäßig zwei Typen von Valvo, die übrigens auch in der SABA-Box 1300 verbaut sind. Die gab es für unter 10DM bei Startronic in Hamburg.

      Die Qualitätskontrolle bestand nachher aus einem Hörvergleich mit Canton 400, eine der besten Boxen ihrer Klasse so um 1980. Oft mussten Vorwiderstände von Hoch- und Mitteltönern angepasst werden, manchmal auch die Elkos im Tiefpassfilter der Weiche. Die Ergebnisse waren nicht schlecht. Beschwerden hat es nie gegeben.

      Zu meiner Schande muss ich also gestehen, gemessen wurde nichts. Das subjektive Hörerlebnis zählte.

      Gruß

      Rolf

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      Zuverlässige Messungen erfordern doch eigentlich einen schallgedämpften Raum, das ist nicht ohne. Wenn eine defekte Box ankommt, kann man auch keine Messung vorher / hinterher vergleichen. Darum habe ich das auch immer so wie Rolf gemacht (sicher 50 Paar Boxen verschiedener Art repariert), und hinterher Klangvergleich mit einer Umschaltbox, ggf. mit Widerständen auf (einigermassen) gleiche Lautstärke gebracht.

      Michael

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      Messung ohne schallgedämpften Raum?

      Ähnliches Problem gibt es beim Ausmessen von Richtdiagrammen bei Antennen.
      Auch reichen manche Räume je nach Wellenlänge nicht, Grenze ungefähr UKW, Meterwellen.
      Nicht nur Funkamateure gehen dann in die freie Natur, suchen dafür günstige Gelegenheiten.
      Bei mir in der Gegend geht das teilweise recht gut, hügelige, bergige Landschaft.
      Man nimmt zwei Hügel in z.B. 100 m Entfernung, also etwas Tal dazwischen.
      Auf einen Hügel kommt der Sender, auf den anderen die drehbare zu untersuchende Antenne.
      Reflexionen sind kaum möglich, was in Richtung Boden geht, strahlt eher zum Himmel.
      Zudem, Erdboden dämpft teilweise deutlich HF.

      Das kann man sinngemäß für Audio, Lautsprecher, übertragen.
      Hügel wird man kaum nehmen, ein geeigneter Garten sollte reichen.
      Unten hohes Gras sollte sich gut machen, Dämpfungseigenschaften, schluckt Schall.
      Der zu messende Lautsprecher wird z.B. in etwa 1,5 m Höhe positioniert.
      Dann geht man im Halbkreis um den zu prüfenden Lautsprecher herum, Richtdiagramm.
      Geht es nur um den Frequenzgang, reicht ja Messmikro frontal fest in einem Ständer.

      Andreas
      Was bedeutet DL2JAS? Amateurfunk, www.dl2jas.com

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      Stimmt, Andreas -- aber das ist eigentlich nur dann sinnvoll, wenn man eine Referenzmessung hat. Sonst ist m.E. der Hörvergleich in einem realistisch grossen Raum gegen eine anerkannt gute Box durchaus eine sinnvolle Alternative. Dann weiss man nicht, ob es nach der Reparatur nahe am Original ist, wohl aber, ob es im Vergleich zur Konkurrenz gut abschneidet. Mit einem guten Querschnitt durch das Musikprogramm (mit guten Aufnahmen) kommt man da schon erstaunlich weit ...

      Michael

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      Danke für die Hinweise, in der Tat stehen beide Varianten zur Wahl:
      1. Ersatz des Hochtöners mit einem von mech. Größe, unterer Grenzfrequenz, Impedanz und Schalldruckpegel halbwegs passendem Modell
      Monacor DTM-104/4 Ohm

      2. Reparatur des originalen Hochtöners, evt. durch einen Dienstanbieter.

      Eine Box läuft bei mir noch ohne hörbare Einschränkungen, die könnte ich als Referenz hernehmen. Interessant ist ja vor allem der Übergangsbereich zwischen 1 kHz und 5 kHz.

      Viele Grüße
      Christian
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      KOR schrieb:

      Hallo Christian,


      Ersatz waren LS von Valvo, Visaton und Monacor. Auswahlkriterium bei den Tieftönern war immer Gewicht Magnet- und Schwingspulengröße. Bei Hochtönern standardmäßig zwei Typen von Valvo, die übrigens auch in der SABA-Box 1300 verbaut sind. Die gab es für unter 10DM bei Startronic in Hamburg.
      Gruß
      Rolf


      Startronic, waren das nicht die am Eppendorfer Baum? Die Hochtöner AD140 und AD160? In der Werkstatt spielen bei mir im noch Boxen mit AD806 W2, AD706 und AD 140. Die AD806 haben leider schon neue Sicken bekommen müssen. Leider waren die Valvos aber nicht immer die beste Qualität.
      Bei mir im Wohnzimmer spielen CT2000 mit den Frequenzweichen der ct90. Bei den Cantons aus den 80ern habe ich bisher noch keine mürben Sicken gesehen.